Konzeptionelle Darstellung der herstellerneutralen MR-Sequenzentwicklungsplattform gammaSTAR
© Fraunhofer MEVIS

Werden MR-Sequenzen bald herstellerübergreifend nutzbar?

/ RT-Redaktion / Forschung

Die Magnetresonanztomografie (MRT) gilt als eines der wichtigsten bildgebenden Verfahren in der Medizin. Fachleute arbeiten laufend an MR-Sequenzen, der Steuerungssoftware für die Scanner, wodurch potenziell aussagekräftigere Bilder und schnellere Untersuchungen entstehen. Das Problem: Komplexe Zulassungswege behindern allzu oft einen erfolgreichen Transfer neuer Sequenzen in die Klinik. Forschende am Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS in Bremen wollen diese Lücke schließen: Mit der Softwareplattform gammaStar und dem Projekt SpinIt arbeiten sie mit Industriepartnern daran, innovative MR-Sequenzen herstellerunabhängig, qualitätsgesichert und systematisch in die klinische Anwendung zu überführen.

Bislang werden neue MR-Sequenzen in den firmeneigenen Entwicklungsumgebungen der Gerätehersteller programmiert und zusammen mit der jeweiligen Hardware zugelassen. „Für spezialisierte oder neue Ansätze ist diese Hürde aber oft schwer zu überwinden“, so Dr. Daniel Hoinkiss, Principal Scientist am Fraunhofer MEVIS und Leiter des Projekts. „Wir wollen den Prozess der Zertifizierung vereinfachen und gewissermaßen demokratisieren, um ihn auch für Drittanbieter leichter zugänglich zu machen.“

Dafür wurde ‚SpinIt‘ initiiert, ein Projekt im Rahmen des Förderprogramms ‚Exist‘ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Es soll Start-ups und Forschungsgruppen erleichtern, neue MR-Sequenzen zertifizieren zu lassen und auf unterschiedlichen MRT-Systemen zu nutzen. Ausgangspunkt ist die am Fraunhofer MEVIS entwickelte Softwareplattform gammaStar. Sie erlaubt, MR-Sequenzen herstellerunabhängig zu implementieren und über standardisierte Treiber auf unterschiedlichen MR-Scannern auszuführen. Forschende können Sequenzen in gammaStar entwickeln, ohne sich tief in herstellerspezifische Programmiersprachen einarbeiten zu müssen.

„Wir haben diese Plattform so entworfen, dass die MR-Sequenzen bereits einem Qualitätsstandard entsprechen, der grundsätzlich eine spätere Medizinprodukte-Zulassung erlaubt“, so Dr. Nora-Josefin Breutigam, verantwortlich für Qualitäts- und Partnermanagement am Fraunhofer Mevis. Mit dem SpinIt-Projekt entwickelt das Fraunhofer-Team die Software gezielt in Richtung Zertifizierung weiter. Ziel ist ein klarer, reproduzierbarer Prozess, mit dem MR-Sequenzen aus der Forschung heraus als Medizinprodukt zugelassen werden können. Das Ganze sei Pionierarbeit, so Breutigam. „Es gibt bis heute keinen Fall, in dem eine MR-Sequenz eines Drittanbieters unabhängig vom Hersteller zugelassen wurde.“

Regulierte Zugänge für Drittanbieter

Ein Medizintechnikhersteller unterstützt das Projekt durch die Bereitstellung einer zertifizierten Schnittstelle für externe Softwarelösungen. „Mit dieser Schnittstelle können wir MR-Sequenzen als Medizinprodukt zulassen und in die klinische Routine bringen“, so Breutigam. Damit würde erstmals ein regulierter Zugang für Drittanbieter entstehen – also für Forschungsgruppen oder Start-ups.

Der Weg dorthin erfordert eine umfangreiche Dokumentation und systematische Tests. „Wir simulieren unsere Sequenzen und prüfen zum Beispiel, ob rechts und links korrekt zugeordnet werden“, so Dr. Simon Konstandin, verantwortlich für die technische Entwicklung. Fehler wie das Vertauschen der Seiten müssen zuverlässig ausgeschlossen werden, bevor eine Sequenz routinemäßig in der Klinik eingesetzt werden darf. Dabei geht es nicht nur um die eigentliche MR-Sequenz, sondern auch um die anschließende Rekonstruktion der Bilddaten. Erst durch diese Rekonstruktionsalgorithmen werden aus den Rohdaten medizinisch interpretierbare Bilder. Beide Komponenten müssen gemeinsam qualitätsgesichert, getestet und zertifiziert werden, denn selbst wenn die Messung korrekt abläuft, könnten Fehler in der Rekonstruktion schwerwiegende Folgen für die Diagnose haben.

Besonderen Nutzen verspricht der neue Ansatz auch für die Durchführung multizentrischer klinischer Studien. Bislang lassen sich vergleichbare Datensätze nur erzielen, wenn identische MRT-Systeme eingesetzt werden, oder wenn unterschiedliche Messprotokolle in aufwendigen Abstimmungsprozessen angeglichen werden. Selbst dann bleibt das Ergebnis häufig unbefriedigend. „Mit systemunabhängig entwickelten Sequenzen und identischer Rekonstruktion könnte man unterschiedliche Geräte nutzen und trotzdem eine deutlich bessere Vergleichbarkeit erreichen“, sagt Breutigam. „Schon allein die Vereinfachung der Vorbereitung solcher Studien könnte in Zukunft enorme Kosten sparen.“

Am Ende der 18-monatigen Exist-Phase soll feststehen, ob aus SpinIt eine Ausgründung hervorgeht, die als Dienstleister für Zulassung und Qualitätssicherung von MR-Sequenzen agiert. „Unser kurzfristiges Ziel ist, Innovation aus der Forschung zugänglich für die klinische Nutzung zu machen«, so Hoinkiss. Für Patienten, Kliniken und Forschende sei das ein wichtiger Schritt, damit neue MRT-Ideen schneller dort ankommen könnten, wo sie gebraucht werden.

Dieser Beitrag stammt aus dem Newsletter Radiologie zum Röko 2026. Melden Sie sich hier kostenlos an, um keine News aus der Branche mehr zu verpassen!